Stäuber, Peter:
London. Unterwegs in einer umkämpften Metropole
Anhand von Spaziergängen durch verschiedene Stadtteile, von der Finanzkapitalzentrale „City of London“ über die Wohnbezirke der Reichen bis zu den Randgebieten, schildert und analysiert der Autor, ein seit 7 Jahren in London lebender Schweizer Journalist, die multiplen Krisen dieser Metropole.
Als deren Hauptursache macht er die gravierenden Auswirkungen des großteils ungeregelten Turbo-Kapitalismus aus, der seit M. Thatcher, über die neoliberal gewendeten New Labour-Politiker bis zu den nun regierenden Konservativen, die Entwicklung der britischen Hauptstadt prägen.
Eine internationale Plutokratie, Oligarchen aller Herren Länder, oftmals „Steuerflüchtlinge“, „investieren“ ihr überschüssiges Kapital in Immobilien (oftmals teilweise leer stehende Luxus-Wohntürme) als Spekulationsobjekte, treiben die Preise in Schwindel erregende Höhen, mit der Gefahr neuer „Blasen“, und vertreiben normal Verdienende aus ganzen Stadtteilen. Der Autor spricht hier von „sozialen Säuberungen“.
Viele Bewohner müssen andererseits, wenn sie überhaupt eine Unterkunft finden (Stichwort: leben auf der Straße) mit Behausungen schlechter Qualität Vorlieb nehmen, deren Mieten kaum erschwinglich sind. Gemeindewohnungen wurden schon unter Thatcher (und danach auch Blair/Brown) privatisiert, sozialer Wohnbau findet kaum mehr statt. In den verbliebenen, aus Geldmangel großteils verwahrlosten „Council Estates“ leben, vielfach auf engstem Raum zusammen gedrängt, zu 95% Sozialhilfeempfänger. Die finanziell unterversorgten Bezirksbehörden sind auf private, Profit orientierte „Bauentwickler“ und auf ebenso orientierte „Housing Associations“ angewiesen. Was deren Instandhaltungsmaßnahmen wert sind, hat man kürzlich beim Brand des Grenfell Tower erlebt. Auch privater, leistbarer Wohnbau ist unterentwickelt. Die als Austeritätspolitik verkaufte Kürzung von Wohnbeihilfen unter den Tories seit 2010 (Stichwort „bedroom tax“ für angeblich überflüssige Zimmer) und brutale Delogierungen haben die Lage noch verschärft. 2015 gab es in London 65.000 obdachlose Familien. Eine „defensive Architektur“ soll die „rough sleepers“ von den Türschwellen der Reichen fernhalten.
Neben periodischen sozialen Unruhen machen sich aber auch (Selbst)-Hilfe-Aktivitäten und Organisationen breit, die den durch Niedrigstlöhne bei Billigjobs existentiell Bedrängten zur Seite stehen (Food Banks, etc.) und beginnen, gegen die Verhältnisse zu mobilisieren. Selbst der neue Londoner Bürgermeister Sadiq Khan bekundet die Absicht, weitere Immobilienverkäufe an ausländische „Investoren“ bremsen zu wollen.
Eine weitere Entwicklung betrifft die Privatisierung ganzer „Räume“, öffentlicher Plätze, Straßen, Parks und Gebäude, „privately owned public spaces“ (POPS), die so – steril, eintönig, adrett – zu „toten“, für die Stadtbewohner verlorenen werden.
Insgesamt konstatiert der Autor den galoppierenden Verlust des „Rechts auf Stadt“ für das Gros der Bewohner Londons, das zu einer „Investitionszone für internationales Kapital“ verkommt.
Eine nicht bedachte oder beabsichtigte Folge des chaotischen Brexit scheint ein leichter Fall der Hauspreise zu sein, der mit der Gefährdung des Londoner Finanzplatzes einhergeht. An der Situation insgesamt wird das wohl sobald nichts ändern.
Promedia (2016) In:
http://mediashop.at/buecher/london-2/
(Abrufdatum 23.10.2017).
ISBN: 978-3-85371-408-9
Dr. Gabriele Matzner
ist Obfrau von Urban Forum,
Diplomatin i.R, Malerin und Autorin.


